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04/2023 Holz von hier

BAUEN

«Hiä obä g’hölzlet»

Das Holz dieser drei Häuser war noch nie anderswo. Die Philosophie der Bauherrschaft, auf den Eggbergen ein nachhaltiges Seminarzentrum zu führen, setzte die Gotthard Holzbau GmbH aus Flüelen in aller Konsequenz um.

Text Sue Lüthi Fotos Markus Lamprecht, Valentin Luthiger Pläne Gotthard Holzbau GMBH

 

«Beim Hölzeln kann man vieles falsch machen», sagt Hermann Herger. Die Stämme müssen bereits passend fürs Projekt geschnitten und fachgerecht geschichtet und gelagert werden. Rund 250 Stämme haben die Förster für die Gotthard Holzbau GmbH auf den Eggbergen, 1500 Meter über Meer und 1000 Meter über der Urner Axenstrasse, gefällt und «g’hölzlet». Das entspricht etwa einem Drittel des Holzes für das ganze Projekt.


Einheimisches Holz zu verbauen, war Hermann Herger von Anfang an ein Anliegen. Der Geschäftsführer der Gotthard Holzbau GmbH aus Flüelen (UR) hat seine Wurzeln auf den Eggbergen und kennt viele Personen aus dem Weiler, der zur Gemeinde Altdorf gehört. Zwei Personen, die hier oben regelmässig Ferien verbrachten, sind Martin Reichle und Ruth Koch. Als das Grundstück mit dem Ferienlagerhaus zum Verkauf stand, griffen sie zu und liessen ihrem Traum vom Hüttenwart und Begegnungsort freien Lauf.
Der Entwurf der Berglodge stammt aus der Feder der Küchler Architektur aus Sarnen. Das bestehende Gebäude wich drei angemessen proportionierten Häusern, die sich dem Weg entlang aufreihen und mit ihrem unaufdringlichen Volumen den umgebenden Häusern und der Berglandschaft Respekt erweisen. Zu nennen sind wenig Gebäudehöhe, die angepasste Dachneigung, Fassaden in Holz und Stein und einen tiefen Energieverbrauch.


100-jährige Fichten

Die Bauherrschaft, fortan unter der Imuri AG geführt, lud schon früh die Gotthard Holzbau ein und übertrug ihr die Holzbau- und Koordinationsarbeiten. Mit sympathischem Geschick überzeugte Hermann Herger die Bauherrschaft, das ganze Gebäude aus Holz zu konstruieren. So dringen die Werte – Vernetzung, Vitalität und Umwelt –, die im Seminarzentrum vermittelt werden, bis in die Tiefe der Gebäudekonstruktion. Herger, auch Präsident des Korporationsbürgerrats Flüelen, weiss um das Potenzial in «seinem» Wald und organisierte so viel Holz wie möglich aus der unmittelbaren Nähe des Projekts. Natürlich schlugen die Urner Förster das Holz nach dem Mondkalender, wie sie es schon lange tun, und heute sehen die Gäste im Innenausbau die engen Jahrringe des Fichtenholzes.


«Der Standort, die Meereshöhe, der hohe und langsame Wuchs der Fichten – über oft hundert Jahre – sind beste Voraussetzungen für eine ausgezeichnete Holz­qualität», sagt Hermann Herger. «Das Schlagen zum richtigen Zeitpunkt und das Lufttrocknen waren uns grundlegend wichtig. Alles geschah hier oben. Das Holz hat den Berg gar nie verlassen.» Holz mit diesen Eigenschaften wird Mondholz genannt. Es schwindet und quellt weniger und benötigt weniger Schutzmittel gegen Pilze und Käfer.


Um die Ansprüche der Bauherrschaft an die Hotellerie erfüllen zu können, holten sich die Bauleute Unterstützung bei den G&A Architekten AG in Altdorf. Christine Wolf ist die Innenarchitektin, die sich um die Ausführungspläne, die Möbel, die Beleuchtung und die Hotelabläufe kümmerte. Heute ist die Spezialistin für Bauen im Bestand selbständig. «In dieser Zusammenarbeit habe ich viel gelernt», sagt Hermann Herger. «Zum Beispiel über Licht. Für mich war Licht eine Glühbirne, heute sehe ich, was eine gute Beleuchtung und ausgewählte Leuchten ausmachen.»

Haupterschliessung per Luftseilbahn
Die drei Häuser sind unterschiedlich: Da ist das Haus der Zusammenkunft mit der Bergstube, das mittlere Haus mit zwei groszügigen Kursräumen und das Zimmerhaus. Sie sind mit einem überdeckten Weg an der frischen Luft verbunden. Die Zimmer bieten den Gästen die Möglichkeit zum elektrosmogfreien Schlafen. Dazu wird das WLAN zwischen 22 und 6 Uhr ausgeschaltet. Der Strom kann im Zimmer durch die Gäste ausgeschaltet werden. Für Licht steht ihnen eine aufladbare Laterne zur Verfügung.


Das erste Haus richteten die Holzbauer im Juli 2021 auf. Sie hatten die Elemente im Betrieb in Flüelen vorfabriziert, mit Schweizer Holz aus der Region. Ausnahme bilden nur die verleimten Träger, die die Schilliger Holz AG in Küssnacht herstellte. Die Haupterschliessung der Eggberge, wo etwa 90 Personen leben, ist eine Luftseilbahn mit Pendelbetrieb und Kabinen für 15 Personen. Ein Strässchen führt steil den Berg hoch und wird bald zu einer noch steileren Naturstrasse. Sie ist nur mit Bewilligung und Allradantrieb befahrbar und wird zur Bewirtschaftung des Schutzwaldes genutzt. Hermann Herger und seine Mitarbeitenden im Holzbau und im Forst nutzen Whatsapp für die Verkehrsregelung. «Mit einer Holzladung ist kreuzen oder ausweichen nicht möglich.» Die Elemente konnten jedoch ohne Einschränkung betreffend Gewicht und Grösse für den Transport produziert werden. Einen Monat später folgte das Aufrichten des zweiten Hauses und im September das dritte Haus. Dann galt es, sämtliches Material für den Ausbau im Winter auf den Berg zu schaffen. Denn mit Schnee ist der Transport unmöglich. Die Gotthard Holzbau war durchschnittlich mit drei Mitarbeitern vor Ort. Betoniert sind nur die Bodenplatte, die Stützwand gegen den Berg und der Treppenkern. Tragkonstruktion, Decken und Wände sind alle aus Holz. Die Zwischenwände sind neun Zentimeter stark, zwei mal vier Zentimeter massive Fichtenholzbretter mit einer Brandschutzplatte dazwischen.


Die Verkleidung der Aussenwände geschah vor Ort mit dem sägerohen und unbehandelten Bergholz vom nahe gelegenen Gruonwald, das etwa ein halbes Jahr an der Bergluft getrocknet hatte. Auch in den Innenräumen blieb das Holz unbehandelt. Nur Flächen, die berührt und gereinigt werden – wie zum Beispiel in der Küche?–, erhielten eine schützende Behandlung. Hermann Herger ist sichtlich stolz, dass hier regionales Mondholz eingesetzt werden konnte. Es liegt ihm am Herzen, die regionalen Betriebe zu beschäftigen und Schweizer Holz zu nutzen. Die Zusammenarbeit basiere hier oft auf Vertrauen: Er wähle die Handwerker, die offerieren, und wenn alles stimmt, wird aus dem Angebot eine Auftragsbestätigung, die als Grundlage für die Arbeit dient.


Schreiner sind auf dem Berg geblieben

Den Schutzlack setzte der Schreiner auch bei einigen Möbeln ein. Zusammen mit der Innenarchitektin entwarf und baute er die Tische, Regale und Einbauten in den Aufenthaltsräumen und alle Einbauten in den Zimmern. Die Betten sind hoch und mit Schubladen für Bettzeug ausgerüstet. Doch der wahre Grund für die 82 Zentimeter hohe Liegefläche ist die Aussicht. Alle Zimmer sind gegen Westen gerichtet und bieten einen herrlichen Ausblick in die Berge und über den Urnersee. Viele Details sind in die Arbeit des Möbelschreiners Toni Infanger eingearbeitet: Ein abdeckbarer Hohlraum mit den Steckdosen, ein Schränklein für die Laterne, Aufhänger, Bügel und Türgriffe aus übrig gebliebenen Ästen. Verborgene Beschläge und schöne Flächen. In der Küche sind an den Decken Bilder von lokalen Heilpflanzen ins Holz eingelassen. Infanger ist mit seinen Möbeln gleich mit auf dem Berg geblieben: Er hat auf den Eggbergen eine neue Funktion gefunden und ist in der Lodge der Mann für das Haus, die Technik und das Handwerk.
Die Berglodge verfügt über 14 Einzel- und 9 Doppelzimmer sowie eine Bergsuite, 37 Stunden sollen die Gäste mindestens bleiben, das sind mindestens zwei Nächte. Auch dies ist ein Zug der Nachhaltigkeit: Weniger Reinigung, weniger Wäsche, weniger Aufregung. Die Berglodge soll ein Ort für den Rückzug in die Natur, die Reflexion und den menschlichen Austausch sein. Fragt man Hermann Herger, was ihm am meisten Freude bereitet hat, sagt er: «Dass es mir gelungen ist, beim Bauherrn eine Leidenschaft für Holz zu wecken.» Und er fügt hinzu: «Schade, ist der Bau schon fertig.»
berglodge37.com,
kuechler-architektur.ch,
ga-architekten.ch


Gotthard Holzbau GmbH

Hermann Herger ist gelernter Schreiner und Zimmermann und gründete 2001 die Gotthard Holzbau GmbH. Der Betrieb lag in Schattdorf und siedelte 2016 wegen Unwetterschäden und gesteigertem Platzbedarf nach Flüelen über. Der Zimmereibetrieb beschäftigt heute 35 Mitarbeitende, davon acht lernende Zimmerleute. Der Holzbaubetrieb zeigt Referenzen im Neu- und Umbau speziell auch von denkmalgeschützten Häusern. Der 55-jährige Hermann Herger wird von seiner Familie unterstützt: Sein Sohn arbeitet als Zimmermann im
Betrieb, seine Frau und seine Tochter in der Administration. Herger ist Präsident des Korporationsbürgerrats Flüelen, der die Schutzwälder unterhält und bewirtschaftet. gotthardholzbau.ch


Alpines Seminarzentrum

Projekt: Berglodge 37, Eggberge, Altdorf (UR)
Fertigstellung: 2022
Bauherrschaft: IMURI AG, Altdorf
(Martin Reichle und Ruth Koch)
Architektur: Küchler Architektur, Sarnen (Baugesuch)
Innenarchitektur: G&A Architekten AG,
Altdorf; Christine Wolf, Schattdorf (UR)
Holzbau: Gotthard Holzbau GmbH, Flüelen (UR)
Schreinerei: Toni Infanger, Mengelt & Gisler AG, Flüelen
Verwendetes Holz (Menge und Art): Insgesamt 410 m3;
229 m3 Fi/Ta; 11 m3 Lärche (Gruonwald);
Mondholz (Gruonwald)
Baukosten gesamt: CHF 6,7 Mio.
Holzbau: CHF 1,8 Mio.
Zertifizierung Lignum Zentralschweiz:
100 Prozent Schweizer Holz